Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg

Die Geschichte

Im Zuge der Romantik entwickelte sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts ein immer stärker werdendes Interesse an der eigenen Vergangenheit und Heimat. Auch König Ludwig I. von Bayern erkannte den Wert der Geschichte für die Bildung der Bevölkerung. Die „Wiederentdeckung und Belebung des historischen Sinnes“ waren für ihn „der einzige sichere und nachhaltige Ausgangspunkt jedes wahren Fortschrittes“. Dieser Geisteshaltung entsprang des Königs Aufruf zur Gründung historischer Vereine in einem vom damaligen Innenminister und späteren Regensburger Regierungspräsidenten Eduard von Schenk entworfenen Kabinettreskript vom 29. Mai 1827.

In Regensburg wurde der königlichen Anregung entsprechend am 20. November 1830 der „Historische Verein des Regenkreises“ mit anfangs 171 Mitgliedern gegründet. Dieser ist damit einer der ältesten historischen Vereine in Bayern. Erster Vorsitzender wurde der Regensburger Diplomat und Geschichtsschreiber Christian Gottlieb Gumpelzhaimer (1766 – 1841), der bis zu seinem Tod den Verein in dessen wichtiger Anfangszeit prägte. Die königliche Bestätigung der Gründung erfolgte mit Schreiben vom 26. Januar 1831. Endgültige Rechtsfähigkeit erlangte die „gelehrte Gesellschaft“ schließlich durch die Ministerialentschließung Nr. 7019 vom 16. Juni 1889, mit welcher Prinzregent Luitpold die Korporationsrechte verlieh. Bis heute ist der Historische Verein für Oberpfalz und Regensburg deswegen kein eingetragener Verein, sondern eine königlich privilegierte juristische Rechtsperson.

Das im ersten Band der „Verhandlungen des Historischen Vereins für den Regenkreis“ aus dem Jahre 1831 abgedruckte „Gesetz des historischen Vereins für den Regenkreis“ griff die königlichen Vorgaben von 1827 auf. Hier wurde unter anderem festgelegt: „I. Zweck des Vereins ist die Verbreitung der Kenntniß der vaterländischen Geschichte. II. Die Mitglieder des Historischen Vereins wirken mit, bei der Entdeckung und Erhaltung historischer Denkmale, bei der Sammlung beweglicher Antiquitäten, bei der Aufsuchung der Notizen sowohl über die römischen Altertümer (...) als auch über die Merkwürdigkeiten und Denkmäler aus der teutschen Urzeit und dem Mittelalter, an Beiträgen zur Geschichte der Städte, der Kirchen, Stiftungen, ausgezeichneter Geschlechter und berühmter Männer, usw.“

Neben einer regen Vortrags- und Gutachtertätigkeit, dem Aufbau einer Vereinsbibliothek und einer Archivaliensammlung sowie der Veröffentlichung regionalgeschichtlicher Abhandlungen in den vereinseigenen Verhandlungsbänden sah der Historische Verein, der seinen Namen 1838 im Zuge der Neugliederung Bayerns in „Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg“ änderte, von Beginn an seine Aufgaben auch auf den Gebieten der Denkmalpflege und des Bewahrens von beweglichem Kulturgut durch mehr oder minder systematische Sammlungstätigkeit.

Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine einzigartige Sammlung mit herausragenden Exponaten aller Epochen von der Vor- und Frühgeschichte bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, darunter römische Sarkophage, mittelalterliche Steinskulpturen, Altäre, Gemälde, Kupferstiche, Zeichnungen, Waffen, Möbel, Gläser und Münzen. Teils waren es Geschenke, die an den Verein kamen, teils wurden Nachlässe und Privatsammlungen – soweit es die spärlichen Mittel erlaubten – angekauft.

Die stete Vermehrung dieser Sammlung und der damit verbundenen Aufgaben überstiegen jedoch bald die Kräfte der ehrenamtlich tätigen Vereinsmitglieder und verlangten eine grundlegende Neuordnung. Nach langwierigen Verhandlungen kam am 7. April 1933 ein Vertrag zwischen der Stadt Regensburg und dem Historischen Verein zustande, wonach dessen überaus wertvolle museale Sammlung zur Gänze in das Eigentum der Stadt Regensburg übergeben wurde. Als Gegenleistung verlangte man lediglich die Überlassung eines Vereinslokals und von Räumlichkeiten für die Vereinsbibliothek und das Vereinsarchiv, welche im Besitz des Historischen Vereins blieben.

In einer außerordentlichen Mitgliederhauptversammlung vom 15. November 1933 wurde die Gleichschaltung des Historischen Vereins im Sinne des NS-Regimes vollzogen. Man führte u.a. den sogenannten Arierparagraph sowie das Führerprinzip ein und passte die einschlägigen Paragraphen in der Vereinssatzung entsprechend an. Der städtische Konservator Dr. Walter Boll wurde zum Führer des Vereins gewählt, den seit 1931 als Vorsitzender amtierenden Hochschulprofessor Dr. Hans Dachs bestimmte man zum geschäftsführenden Vorstand. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs untersagte die Amerikanische Militärregierung 1945 zunächst die Weiterführung des Historischen Vereins. Erst am 16. Februar 1949 konnte er auf Initiative von Dr. Dachs neu gegründet und dabei die alten Statuten wieder in Kraft gesetzt werden. Die Verhandlungsbände, die seit 1940 nicht mehr erschienen waren, wurden seit 1950 wieder alljährlich herausgegeben. Bis 2018 ist die Reihe auf insgesamt 158 Ausgaben angewachsen.

Die umfangreiche Vereinsbibliothek mit ihren zahlreichen Zeitschriftenreihen anderer historischer Vereine und wissenschaftlicher Gesellschaften sowie das Vereinsarchiv mit seinen wertvollen Manuskripten, Akten-, Rechnungs- und Urkundenbeständen sind das Ergebnis einer bald zweihundertjährigen intensiven Sammlungstätigkeit. Viele Archivalien konnten im 19. Jahrhundert nur dank des persönlichen Engagements von Vereinsmitgliedern vor der Vernichtung in den Papiermühlen der Region gerettet werden. Seit dem Abschluss einer Zusatzvereinbarung zwischen dem Historischen Verein und der Stadt Regensburg zu dem im Jahre 1933 abgeschlossenen Vertrag am 4. Oktober 1994 werden die vereinseigenen Archiv- und Bibliotheksbestände vom Stadtarchiv Regensburg mitbetreut.

Auch fast 200 Jahre nach der Gründung sehen der Hauptverein und die derzeit fünf Regionalgruppen des Historischen Verein für Oberpfalz und Regensburg ihre Aufgabe vor allem darin, interessierte Bürger durch Vorträge, Publikationen und Exkursionen mit der Geschichte des Regierungsbezirks Oberpfalz und seiner Hauptstadt vertraut zu machen und so im ludovizianischen Geist und aus dem geschichtlich-konservativen Selbstverständnis der Gründungsjahre heraus die Sensibilität für die Erhaltung unseres unveräußerlichen kulturellen Erbes auch für das 21. Jahrhundert zu bewahren.

 

Literatur:

Hermann Nestler, Hundert Jahre Historischer Verein der Oberpfalz und von Regensburg, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 80 (1930), S. 3 – 23.

Georg Völkl, Werden und Wirken des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 1830 – 1955, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 96 (1955), S. 7 – 70.

Paul Mai, 150 Jahre Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 120 (1980), S. 7 – 24.

Paul Mai, Dr. Walter Boll in memoriam, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 125 (1985), S. 485f.

Werner Chrobak, Stadt und Geschichte: Der Historische Verein, in: Gelehrtes Regensburg – Stadt der Wissenschaft. Stätten der Forschung im Wandel der Zeit, hg. von der Universität Regensburg, Regensburg 1995, S. 179 – 185.

Martin Dallmeier, Historischer Verein und Denkmalpflege in Regensburg und der Oberpfalz. Geschichtliches Selbstverständnis im 19. Jahrhundert, in: Helmut-Eberhard Paulus u. a. (Hrsg.), Regensburg im Licht seines geschichtlichen Selbstverständnisses. Bildliche Selbstdarstellung einer historischen Stadt durch Kunst, Literatur und Denkmalpflege in Geschichte und Gegenwart (Regensburger Herbstsymposion zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege 3), Regensburg 1997, S. 128 – 137.

Martin Dallmeier, Gelehrte Vereine in Regensburg, in: Geschichte der Stadt Regensburg, hg. von Peter Schmid, Band 2, Regensburg 2000, S. 940 – 950, hier bes. S. 945 – 948.

Martin Angerer, Die Museen der Stadt Regensburg, in: Geschichte der Stadt Regensburg, hg. von Peter Schmid, Band 2, Regensburg 2000, S. 951 – 966, hier bes. S. 952 – 956.

Art. „Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg“, in: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie (https://de.wikipedia.org/wiki/Historischer_Verein_f%C3%BCr_Oberpfalz_und_Regensburg; letzter Zugriff: 15.05.2019)