Die Auswirkungen der großen politischen und territorialen
Umwälzungen, die vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Heilige Römische Reich
deutscher Nation erschüttert hatten, waren noch das gesamte Jahrhundert über spürbar,
insbesondere auch in der baulichen Entwicklung bayerischer Städte. Für Regensburg
bedeutete diese Zäsur schrittweise den Abstieg und Abschied von einer stolzen
Reichsstadt, die seit 1663 den Immerwährenden Reichstag in ihren Mauern beherbergte, zur
Residenzstadt eines napoleonischen Klientel- und Kleinstaates, des Dalbergischen
Kurzerzkanzlerstaates (1803-1810), und in einem weiteren Schritt 1810 zur königlich
bayerischen Provinzstadt.
Im oberpfälzisch-niederbayerischen Umland waren die Klöster und
geistigen Korporationen bereits 1803 (z.B. Prüfening, Weltenburg) säkularisiert worden;
derartigen Institutionen in der ehemaligen Reichsstadt Regensburg, etwa den Reichsstiften
St. Emmeram, Nieder- und Obermünster oder städtischen Klöstern, stand dieses Schicksal
mit dem Fall des dalbergischen Fürstentums an Bayern 1810 bevor. Kirchen, Kapellen,
Klostergebäude und mit den traditionellen "Famillenverbänden" verbundene
Wirtschaftsgebäude, wie Zehentscheuer, Salzstadel usw., verloren ihre Funktionen, standen
leer und waren somit dem sicheren Verfall preisgegeben. Nur wenige hatten das Glück, daß
für sie eine neue Aufgabe gefunden wurde: für das Reichsstift St. Emmeram jene einer
Residenz der Fürsten von Thurn und Taxis, für die Prüfeninger Herberge am Oberen
Jakobsplatz die Aufnahme der kgl. bayerischen Zoll- und Mautverwaltung. Die bauliche
Substanz mancher mittelalterlicher Klostergebäude konnte nur eine sinnwidrige Verwendung
als Kaserne vor dem Abbruch retten (z.B. Minoritenkloster St. Salvator).
Verfuhr man mit den in Jahrhunderten gewachsenen kirchlichen und
profanen Bauten aus der reichsstädtischen Zeit sehr stiefmütterlich, so machte das
bewegliche, im reichsten Maße angesammelte Kulturgut in Bibliotheken, Archiven, in
privaten und öffentlichen Repräsentationsbauten einen künstlerischen und materiellen
Wertverlust mit; entweder auf Versteigerungen unter das Volk gebracht und in alle Welt
verstreut oder als Folge der Säkularisation wie Kaufmannsware aufgestapelt und nach
München verfrachtet, wurde zwar die Entscheidung über das Schicksal dieses Kulturgutes
schneller als über die Bauwerke getroffen, jedoch deshalb nicht mit mehr Sachverstand
bezüglich kulturell-denkmalpflegerischer Zusammenhänge.
Die Romantik, auch als neue Geistesbewegung nach der unruhigen
napoleonischen Epoche, begleitete die ersten Jahrzehnte des jungen bayerischen
Königreichs. Mit ihr und mit dem damit verbundenen Durchbruch des historischen Sinns
entdeckte man die Schönheiten und Eigenarten der Landschaft (Münchner Landschaftsmaler)
sowie das Interesse für die eigene Vergangenheit. Sammeln und Forschen wurden zu neuen
Lebensinhalten erweckt, erfaßten weite Bevölkerungsschichten.
Auch den Charakter des jungen Königs Ludwig I. von Bayern formten
die drei neuen Säulen der Bildung: neben Religion und Kunst die Geschichte.
"Wiederentdeckung und Belebung des historischen Sinnes" waren für ihn "der
einzige sichere und nachhaltige Ausgangspunkt jedes wahren Fortschrittes". Dieser
Geisteshaltung entsprang auch des Königs Förderung der historischen Vereine. Das vom
damaligen Innenminister und späteren Regensburger Regierungspräsidenten Eduard von
Schenk entworfene Kabinettreskript [1] aus der Villa Colombella bei
Perugia vom 29. Mai 1827 darf man ohne Zögern als die Geburtsurkunde der
"ehrenamtlichen" Denkmalpflege in Bayern und der Historischen Vereine
bezeichnen.
Deutlich zeigt dies die Präambel [2]: "Da wir schon mehrmals
mit Bedauern bemerkt haben, daß den in unserm Reiche zerstreuten architektonischen,
plastischen und anderen Denkmalern der Vorzeit von Seite der öffentlichen Behörden nicht
die erforderliche Aufmerksamkeit gewidmet und hiedurch viele historisch oder artistisch
wichtige Überreste früherer Jahrhunderte zerstört oder verwahrlost worden sind, Wir
aber die Erhaltung solcher Denkmale zur Belebung des Nationalgeistes, zum Studium der
vaterländischen Geschichte und zur Verbreitung der Kunde derselben unter dem Volk für
vorzüglich wichtig erachten", werden die Kreisregierungen angewiesen:
1.a) selbst für die Erhaltung und Bewahrung der ... schon bekannten
oder noch zu entdeckenden historischen Denkmale (= Altertümer römischen Ursprungs oder
in Überresten des Mittelalters, in Burgen und Kirchen oder in Bildsäulen, Denksteinen,
Grabmälern, Inschriften usw.) zu sorgen,
b) die Landgerichte und Magistrate dazu aufzufordern,
2. Verzeichnisse einzusenden,
3. bei historisch wertvollen Grabdenkmälern auch um einen Schutz
gegen die Unbilden der Witterung zu sorgen,
4. in den vormaligen bischöflichen Städten vor allem auf die
Erhaltung der Epitaphien der fürstbischöflichen Regenten zu achten, in den vormaligen
Reichsstädten, namentlich Augsburg, Nürnberg und Regensburg, für die Überreste und
Denkmale der Entwicklung des Municipalwesens, der commerciellen und anderen bedeutenden
städtischen Verhältnissen Sorge zu tragen,
5. bei den in Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden
zerstreuten eigentlichen Kunstwerken (z.B. Altargemälden, Bildsäulen usw.) darauf zu
achten, daß diese in "reinlichem Zustand erhalten sowie vor jeder Vernachlässigung,
aber auch vor ungeschickten Restaurationsversuchen" bewahrt werden [3].
Aufgrund dieser königlichen Anregung konstituierte sich am 20.
November 1830 im königlichen Regierungsgebäude zu Regensburg der "Historische
Verein des Regenkreises" mit 171 Mitgliedern [4]. Das im 1. Band der
Vereinspublikation "Verhandlungen des Historischen Vereins für den Regenskreis"
1831 abgedruckte "Gesetz des historischen Vereins für den Regenkreis" griff die
königlichen Vorgaben von 1827 auf [5]:
I. Zweck des Vereins ist die Verbreitung der Kenntniß der
vaterländischen Geschichte.
II. Die Mitglieder des Historischen Vereins wirken mit, bei der
Entdeckung und Erhaltung historischer Denkmale, bei der Sammlung beweglicher
Antiquitäten, bei der Aufsuchung der Notizen sowohl über die römischen Altertümer ...
als auch über die Merkwürdigkeiten und Denkmäler aus der teutschen Urzeit und dem
Mittelalter, an Beiträgen zur Geschichte der Städte, der Kirchen, Stiftungen,
ausgezeichneter Geschlechter und berühmter Männer, usw.
Die übrigen Teile der Satzung beschäftigen sich mit
vereinsrechtlichen und organisatorischen Belangen.
Neben dem Aufbau einer Vereinsbibliothek, der Veröffentlichung
regionalgeschichtlicher Abhandlungen in den vereinseigenen Verhandlungsbänden sah danach
der Historische Verein schon von Beginn an seine Aufgaben auf den Gebieten der
Denkmalpflege und des Bewahrens von beweglichem Kulturgut durch mehr oder minder
systematische Sammlungstätigkeit [6].
Für die Stadt Regensburg und die Region Oberpfalz waren
rückblickend im 19. Jahrhundert gerade diese Aspekte der Vereinstätigkeit von
substantieller Bedeutung für das heutige Erscheinungsbild. Anstelle einer staatlichen
Behörde, des späteren Generalkonservatoriums bzw. des heutigen Bayerischen Landesamts
für Denkmalpflege mit seinen Außenstellen in den Regierungsbezirken, traten die
Historischen Vereine, auch der Historische Verein des Regenkreises, die sich aus dem
Zeitgeist des ludovizianischen Bayern, aus ihrem geschichtlich-konservativen
Selbstverständnis heraus für die Erhaltung der historischen Bausubstanz einsetzten, und
zwar für fast alle Sparten von Denkmälern, wie sie auch das gegenwärtige
Denkmalschutzgesetz (1973) ausweist, nämlich: a) Baudenkmäler - b) historische
Gartenanlagen - c) technische Denkmäler - d) Ensembles - e) historische
Ausstattungsstücke bewegliche Denkmäler.
Aufgrund der oben erwähnten historischen Entwicklung waren vor
allem die Kontakte der Historischen Vereine zu "ihren" Kreisregierungen, die
fördernd ihre Tätigkeit begleiteten bzw. überwachten, von eminenter Bedeutung. So
übersandte der Regierungspräsident von Linck dem Verein eine Zeichnung vom Grabstein der
Prinzessin Anna in der Kirche von Kastl zur Verwahrung. Der Historische Verein wiederum
sandte über die Kreisregierung Textentwürfe für Gedenktafeln - z.B. für den berühmten
bayerischen Geschichtsschreiber Johannes Turmair, genannt Aventinus, und für Ulrich
Schmidel, den Entdecker Brasiliens - an das Staatsministerium des Innern mit der Bitte um
Zustimmung. Zahlreiche Gedenktafeln, die an bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte
erinnern sollten, hat der Historische Verein in der Folgezeit in der Stadt Regensburg und
im Regierungsbezirk angebracht oder zumindest angeregt, fast immer jedoch den Text
gestaltet (z.B. Porta Praetoria).
Vom 18. März 1833 datiert das erste denkmalpflegerische Gutachten
des Vereins über das Schloß Pfaffenhofen bei Kastl [7]. Der bayerische
Innenminister Fürst Oettingen-Wallerstein hatte am 24. Dezember 1832 die Kreisregierung
aufgefordert, vom Historischen Verein ein Gutachten über den historischen Wert und die
Erhaltung dieses Schlosses anzufordern. Nach der Erörterung dieser Frage in der
Ausschußsitzung am 13. März 1833 unter Vorsitz von Gumpelzhaimer und nach den
mündlichen Erklärungen sämtlicher anwesender Mitglieder wurde einstimmig resolviert:
"daß das Schloß Pfaffenhofen bei Kastl in rein historischer Hinsicht dem Grunde und
Turme nach als eines der ältesten Schlösser des Landes ... von überaus großen und
allgemein historischen Wert und der Erhaltung würdig sei ... Es wäre wohl zu wünschen,
daß dieses Schloß wo möglich noch ganz oder zum Teil erhalten, auf jeden Fall aber der
noch vorhandene solide Turm nicht abgebrochen werden möge, und an denselben dann eine
Inschrift angebracht würde, die den letzten Aufenthalt des Vaterlandshelden Seyfried
Schweppermann daselbst und das dankbare Andenken der Nation an seine Heldentaten der
Nachwelt verkündigte
"
An den Verein tritt man von seiten der Regierung mit der Bitte um
Unterstützung auch heran, als 1835 König Ludwig 1. eine "Generalinspektion der
plastischen Denkmäler des Reiches" (Denkmalliste) wünschte und "dieser
Behörde die Herstellung eines vollständigen, durch Pläne und Zeichnungen belegten
Verzeichnisses aller in künstlerischer oder geschichtlicher Rücksicht denkwürdiger
Gebäude, Monumente, Statuen, Schnitzwerke" auftrug. Ein Jahr später beauftragt die
Regierung des Regenkreises die untergebenen Behörden, für den Historischen Verein
Verzeichnisse über eingegangene und bestehende Steinbrüche, Steingutfabriken und
Glashütten des Regenkreises anfertigen zu lassen [8].
Gerade durch diese gutachterliche Tätigkeit, die im 19. Jahrhundert
noch zahlreiche weitere Objekte umfaßte, hat sich der Verein um die Erhaltung alter
Denkmäler des mittelalterlichen Stadtbildes von Regensburg und anderer oberpfälzischer
Orte große Verdienste erworben [9].
Anmerkungen
| [1] |
Zur Rolle des Eduard von Schenk vgl.
Briefwechsel zwischen Ludwig I. von Bayern und Eduard von Schenk, hg. von Max Spindler,
München 1930, S.377f. [Zurück] |
| [2] |
Abgedruckt bei Georg Völkl, Werden und
Wirken des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 1830-1955, in: VHVO 96,
1955, S.10f. [Zurück] |
| [3] |
Kabinettsbefehl vom 29. Mai 1827 Villa
Colombella, abgedruckt bei Völkl (wie Anm. 2), S.10-11. [Zurück] |
| [4] |
Einzelheiten bei Völkl (wie Anm. 2) S.
12ff. Vgl. auch Hermann Nestler, Hundert Jahre Historischer Verein der Oberpfalz und von
Regensburg, un: VHVO 80, 1930. [Zurück] |
| [5] |
VHVO 1, 1831, S.22. [Zurück] |
| [6] |
Die Sammlungstätigkeit des Vereins
bildete den Grundstock für das heutige Historische Museum der Stadt Regensburg. [Zurück] |
| [7] |
HV, MS. O 720 - Erwähnt im Katalog
"150 Jahre Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg 1830-1980",
bearbeitet von Paul Mai und Guido Hable, in: VHVO 120, 1980, S.29. [Zurück] |
| [8] |
Erlaß des Regierungspräsidenten des
Regenkreises Nr. 1248 vom 15. Juni 1836 bei Völkl (wie Anm. 2) S. 46. [Zurück] |
| [9] |
Eine Auswahl der Gutachtertätigkeit
zwischen 1840 und 1895 bei Völkl (wie Anm. 2) S.50-52. [Zurück] |
aus: Martin Dallmeier: Historischer Verein und Denkmalpflege in Regensburg und der
Oberpfalz, in: H.-E. Paulus, Regensburg im Licht seines geschichtlichen
Selbstverständnisses (Regensburger Herbstsymposien zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege
3), Regensburg, 1997, S. 128 ff.
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